Zeichen des zivilen Widerstands

Bilder von Demonstrationen auf der Stele am Markt

Die Freiluftausstellung in Waren (Müritz) zur Friedlichen Revolution. Teil 5 unserer Serie: die Stele am Markt. Thema: Demonstrationen im Herbst 1989.


Hintergrund

Es war ein wichtiger Meilenstein im Verlauf der Friedlichen Revolution auf dem heutigen Gebiet Mecklenburg-Vorpommerns: In den Abendstunden des 16. Oktober 1989 zogen 400 Frauen und Männer in Waren (Müritz) schweigend und mit brennenden Kerzen durch die Innenstadt, von der Georgenkirche über den Marktplatz bis zur Marienkirche. In den folgenden Wochen und Monaten fanden in vielen großen und kleinen Städten und Gemeinden im ganzen Norden Demonstrationen statt. Als sich immer mehr Menschen auf die Straßen wagten, kam im Herbst 1989 eine Revolution in Gang, die in einem enormen Tempo eine dramatische Umwälzung der bestehenden Machtverhältnisse, Normen, Institutionen, Hierarchien zur Folge hatte und am Ende zur deutschen Einheit führte. Und dies friedlich und ohne Blutvergießen.


Stele am Markt

Demonstration in Wolgast am 12. November 1989. Quelle: Historische Gesellschaft Zinnowitz e.V.

Der Text auf der Stele (Auszug)

In den Ballungsgebieten der DDR waren die großen Demonstrationen schon seit September 1989 im Gang. Am 4. September gingen erstmals 1.200 Menschen in Leipzig auf die Straße. Polizei und Staatssicherheitsdienst griffen hart gegen die Demonstranten durch. Aber von Woche zu Woche wuchs dennoch deren Zahl und andere Städte schlossen sich an.

Im Norden war es seinerzeit auf den Straßen noch ruhig. Bis zum 16. Oktober 1989. In den Abendstunden dieses Tages gab es die erste Montagsdemonstration auf dem heutigen Gebiet Mecklenburg-Vorpommerns: hier in Waren (Müritz). 400 Frauen und Männer zogen mit brennenden Kerzen und schweigend durch die Innenstadt, von der Georgenkirche über den Marktplatz bis zur Marienkirche, unter Beobachtung von Mitarbeitern der politischen Geheimpolizei, dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS), die sich in den Seitengassen postiert hatten.

Die Stadt war ein historischer Vorreiter für das, was dann in den nächsten Wochen in vielen großen und kleinen Städten im ganzen Norden passierte. „Mag sein, dass wir Norddeutsche etwas ruhiger sind. Aber wir sind nicht tatenlos! Ihr sollt wissen, dass der Norden nicht schläft, sondern hellwach und ebenso engagiert teilnimmt am laufenden Geschehen“, brachte es die Bürgerrechtsbewegung Neues Forum in Güstrow am 17. Oktober 1989 auf den Punkt.

Mit dem Ruf „Wir sind das Volk“ meldeten sich seit dem 16. Oktober 1989 Woche für Woche immer mehr Menschen zu Wort und protestierten auf öffentlichen Plätzen gegen die politischen Verhältnisse. In Rostock zogen am 19. Oktober 1989 10.000 Menchen durch die Innenstadt. Wenige Tage später waren es dort bereits 25.000.

Am 24. Oktober protestieren zunächst erst 80 vor allem junge Menschen in Demmin, drei Tage später waren es hundert, die forderten „Wir wollen Wohnungen, mehr Lohn, volle Geschäfte und Freiheit!“, am 1. November waren es dann schon 1.500 Menschen. In Neubrandenburg protestierten am selben Tag 30.000 beim „Marsch der Hoffnung“. In Wismar beteiligten sich am 7. November 50.000 Männer, Frauen und Kinder an der Montagsdemonstration. Es war die größte Demonstration in der Geschichte der Hansestadt, die seinerzeit 58.000 Einwohner verzeichnete. Von Grabow über Ludwigslust bis Neustadt-Glewe bildete sich am 3. Dezember 1989 eine Menschenkette unter dem Motto „Ein Licht für unser Land“. Am selben Tag wurde auch in und um Neubrandenburg eine Lichterkette mit 8.000 Menschen initiiert.

Ziel aller Demonstrationen war eine friedliche, demokratische Neuordnung, insbesondere das Ende der alleinigen Herrschaft der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED). Zudem forderten die Menschen Reisefreiheit und die Abschaffung der politischen Geheimpolizei.

Die Demonstrationen, die vielerorts montags stattfanden, sind symbolträchtig für die Geschichte der Friedlichen Revolution. Sie waren das stärkste Zeichen des zivilen Widerstands, der den Zusammenbruch eines diktatorischen Regimes bewirkte.


Serie

Teil 1: Die Stele am Hafen

Teil 2: „Die Erinnerung wachhalten“

Interview mit Kuratorin Dr. Sandra Pingel-Schliemann

Teil 3: Die Stele an der St. Georgen Kirche

Teil 4: Die Stele an der St. Marien Kirche


Extra

Waren (Müritz) ist von der Landesregierung und dem Landtag Mecklenburg-Vorpommern zum zentralen Gedächtnisort für die Friedliche Revolution 1989 im Land bestimmt worden. Zu dem durch den Landtag beschlossenen Konzept gehört neben der Errichtung eines zentralen Erinnerungszeichens auch die Erarbeitung einer Dauerausstellung und die jährliche Durchführung einer Veranstaltung in Waren (Müritz). Am 16. Oktober 2020 wurde das zentrale Erinnerungszeichen an der Georgenkirche in Waren (Müritz), eine begehbare Installation der Stuttgarter Künstler Dagmar Korintenberg und Wolf Kipper, der Öffentlichkeit übergeben. (Hintergrund – hier)

Quelle: Archiv

Tipp

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