„Die Erinnerung wachhalten“

Kerzen als Zeichen des friedlichen Protestes. Ein Bild auf der Stele am Hafen in Waren (Müritz).

Die Freiluftausstellung in Waren (Müritz) zur Friedlichen Revolution von 1989. Kuratiert von Dr. Sandra Pingel-Schliemann. „Dass wir die Erinnerung wachhalten“, sagt sie – das sei ihr besonders wichtig. Hier das Interview, Teil 2 unserer Serie.


Hintergrund

Das Interview ist ein Auszug aus einem Gespräch, das wir mit freundlicher Genehmigung des Demokratiebündnisses in Waren (Müritz) veröffentlichen.


16. Oktober 1989

Es war ein wichtiger Meilenstein im Verlauf der Friedlichen Revolution auf dem heutigen Gebiet Mecklenburg-Vorpommerns: In den Abendstunden des 16. Oktober 1989 zogen 400 Frauen und Männer in Waren (Müritz) schweigend und mit brennenden Kerzen durch die Innenstadt, von der Georgenkirche über den Marktplatz bis zur Marienkirche. In den folgenden Wochen und Monaten fanden in vielen großen und kleinen Städten und Gemeinden im ganzen Norden Demonstrationen statt. Als sich immer mehr Menschen auf die Straßen wagten, kam im Herbst 1989 eine Revolution in Gang, die in einem enormen Tempo eine dramatische Umwälzung der bestehenden Machtverhältnisse, Normen, Institutionen, Hierarchien zur Folge hatte und am Ende zur deutschen Einheit führte. Und dies friedlich und ohne Blutvergießen.


Interview

Dr. Sandra Pingel-Schliemann, Sie waren 16 Jahre alt im Herbst 1989. Welche konkrete Erinnerung an diese Zeit kommt Ihnen als Erstes in den Sinn, wenn Sie in Waren/Müritz vor dieser Ausstellung stehen?

Dr. Sandra Pingel-Schliemann.
Foto: privat

Dr. Sandra Pingel-Schliemann: Ich denke an meine beste Freundin, die es damals nicht mehr in der DDR ausgehalten hat und ganz allein im September 1989 über Ungarn in den Westen geflohen ist. Es gibt so viele Momente, die tief in meinen Erinnerungen haften geblieben sind: Die Demonstrationen mit den Kerzen in den Händen in meiner Heimatstadt Lübz, der 9.11.1989, als ich mit meinen Eltern vor dem Fernseher saß und Schabowski die Öffnung der innerdeutschen Grenze bekannt gab, mein erster Besuch im Westen. Es gibt so viel, an das ich denken muss, wenn ich vor der Ausstellung stehe. Und die Veränderungen waren so rasant, dass kaum Zeit zum Luft holen blieb. Einiges habe ich erst später verarbeitet.

Sie nennen die Menschen, die 1989 hier vor Ort aktiv waren, „Helden“. Was unterscheidet für Sie diese „Revolutionär/innen der ersten Stunde“ von der großen, eher schweigenden Mehrheit damals?

Sie waren diejenigen, die sich trauten, den Schutzraum der Kirche zu einer Zeit zu verlassen, als das persönliche Risiko für sie noch sehr hoch war. Aber durch ihren Mut haben sie dann auch viele andere für den Protest überzeugen können.  

Viele Zeitzeuginnen und Zeitzeugen haben Flugblätter verteilt, Friedensgebete organisiert, Proteste vorbereitet. Was hat Sie bei der Erstellung der Ausstellungstafeln in Waren am meisten an diesen Biografien beeindruckt?

Der Mut und die Entschlossenheit dieser Menschen. Viele waren damals noch jung, hatten kleine Kinder zu Hause und setzten sich unabsehbaren Gefahren aus. Der Staatsapparat war im Herbst 1989 nicht zahn- und kraftlos, um die Revolution niederzuschlagen. Ich denke auch daran, wie die SED-Führung noch kurze Zeit zuvor, die brutale Unterdrückung der Studentenproteste im Juni 1989 in Peking auf dem Tiananmen-Platz guthieß. Es gab dort viele Tote, Tausende wurden verhaftet, verurteilt und gefoltert. Es war nicht kalkulierbar, was bei uns im Land mit den Protestierenden passiert.

Sie betonen, dass Angst ein ständiger Begleiter war. Wie erklären Sie sich, dass Menschen trotz realer Repression den Schritt aus der Deckung gewagt haben?

Weil es ihnen einfach reichte. Die Enge, die Bevormundung, die Mangelwirtschaft und die Unfreiheit wurden immer erdrückender und die SED-Parteiführung machte keine Zugeständnisse. Tausende flohen seit dem Sommer aus dem Land, genau aus diesen Gründen. Sie stimmten mit den Füßen ab. Aber dieses Land brauchte Veränderungen von innen und dafür mussten sich Menschen vor Ort trauen. Der sowjetische Generalsekretär der kommunistischen Partei Michail Gorbatschow hatten einen Weg für den kommunistischen Ostblock geebnet, der Perestroika (Umgestaltung) und Glasnost (Offenheit) verlangte.

Was war Ihnen als Kuratorin besonders wichtig, wenn es um die Darstellung der „Friedlichen Revolution 1989“ hier in Mecklenburg-Vorpommern und speziell in Waren/Müritz ging?

Dass wir die Erinnerung an diese Zeit wachhalten. Dass wir uns jeden Tag bewusst machen, dass durch diese Revolution eine Diktatur gewaltlos beendet wurde und wir danach in einer Demokratie wachsen, leben und partizipieren konnten und können.

Worauf sollten Besucherinnen und Besucher der Freiluftausstellung an den Tafeln in der Stadt und am Hafen ganz besonders achten, wenn sie verstehen wollen, was 1989 hier passiert ist?

Sie müssen nicht auf etwas besonders achten. Gut wäre, wenn sie alle Tafeln der Ausstellung betrachten. Dann verstehen sie die politischen und menschlichen Zusammenhänge dieser Revolution.

Die Ausstellung verbindet große Geschichte mit lokalen Geschichten. Wie verändern diese lokalen Perspektiven den Blick auf das, was wir sonst oft nur als „gesamtdeutsche“ Erzählung hören?

Das „Herunterbrechen“ großer Ereignisse auf lokale Geschichten und einzelne Biografien macht es für die Besucher anschaulicher und oft gibt es dann auch verbindende und hinterfragende Elemente.

Sie haben Schülerinnen und Schüler des Richard-Wossidlo-Gymnasiums in der Vorbereitung der Ausstellung begleitet. Was kann eine Ausstellung wie diese leisten, was eine Schulstunde oder ein Geschichtsbuch nicht leisten kann?

Die Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums haben sich freiwillig gemeldet, sich mit der Friedlichen Revolution zu beschäftigen, weil sie Interesse hatten und mehr wissen wollten. Sie recherchierten selbstständig, kamen in Gespräche über diese Zeit mit Eltern, Bekannten und Verwandten. Dabei traten auch unterschiedliche Positionen zutage, die die Diskursfähigkeit förderten. Ein Schüler sagte zu mir, ich wusste vorher nicht, dass es hier eine Revolution gab, aber es sei so interessant gewesen, darüber etwas zu erfahren und daraus für die Gegenwart und Zukunft zu lernen. Und die Präsentationen der Schülerinnen und Schüler während der Ausstellungseröffnung haben gezeigt, dass sie sehr gut für sich reflektiert haben, was die Revolution 1989 mit ihnen heute noch zu tun hat. Die Verteidigung demokratischer Werte stand dabei vorne an.

Sehen Sie in Freiluftformaten und dezentralen Tafeln in der Stadt eine besondere Chance, auch jene zu erreichen, die sonst nicht in Museen gehen würden?

Oh ja! Gerade auch das Design einer Ausstellung kann es schaffen, Spaziergänger neugierig zu machen und zum Innehalten zu veranlassen. Bettina Bartel von der Designmühle in Grevesmühlen hat dies mit der Gestaltung der Ausstellungstafeln aus meiner Sicht sehr gut geschafft.


Serie

Teil 1: Die Stele am Hafen


Extra

Waren (Müritz) ist von der Landesregierung und dem Landtag Mecklenburg-Vorpommern zum zentralen Gedächtnisort für die Friedliche Revolution 1989 im Land bestimmt worden. Zu dem durch den Landtag beschlossenen Konzept gehört neben der Errichtung eines zentralen Erinnerungszeichens auch die Erarbeitung einer Dauerausstellung und die jährliche Durchführung einer Veranstaltung in Waren (Müritz). Am 16. Oktober 2020 wurde das zentrale Erinnerungszeichen an der Georgenkirche in Waren (Müritz), eine begehbare Installation der Stuttgarter Künstler Dagmar Korintenberg und Wolf Kipper, der Öffentlichkeit übergeben. (Hintergrund – hier)

Quelle: Archiv

Tipp

Die Chronik zur Friedlichen Revolution, Themen, Orte, Zeitzeugen, das Zentrale Erinnerungszeichen, die Ausstellungen – alles zu finden auf mv1989.de


Video

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