
Die Freiluftausstellung in Waren (Müritz) zur Friedlichen Revolution von 1989. Teil 4 unserer Serie: die Stele an der St. Marien Kirche. Thema: Macht der Kerzen.
Hintergrund

Es war ein wichtiger Meilenstein im Verlauf der Friedlichen Revolution auf dem heutigen Gebiet Mecklenburg-Vorpommerns: In den Abendstunden des 16. Oktober 1989 zogen 400 Frauen und Männer in Waren/Müritz schweigend und mit brennenden Kerzen durch die Innenstadt, von der Georgenkirche über den Marktplatz bis zur Marienkirche. In den folgenden Wochen und Monaten fanden in vielen großen und kleinen Städten und Gemeinden im ganzen Norden Demonstrationen statt. Als sich immer mehr Menschen auf die Straßen wagten, kam im Herbst 1989 eine Revolution in Gang, die in einem enormen Tempo eine dramatische Umwälzung der bestehenden Machtverhältnisse, Normen, Institutionen, Hierarchien zur Folge hatte und am Ende zur deutschen Einheit führte. Und dies friedlich und ohne Blutvergießen.
Stele an der St. Marien Kirche

Der Text auf der Stele (Auszug)
Die Herbsttage 1989 waren dunkel und grau, aber irgendwie leuchteten sie dennoch: durch die vielen Kerzen in den Kirchen, auf den Marktplätzen, vor den Gebäuden von Partei und Staat. Es müssen Hunderttausende Kerzen gewesen sein, die in jener Zeit angezündet wurden. Sie wurden von den Protestierenden selbst mitgebracht, in Drogerien und anderen Geschäften gekauft oder aus dem Westen geliefert. Sie waren bald Mangelware.
Die Kerzen waren ein Symbol der Revolution. Auf die Kerzen waren die Machthaber genauso wenig vorbereitet wie auf den kollektiven Unmut der Menschen. Die Kerzen sollten signalisieren, dass der Protest gegen das Regime friedlich ist. Wer eine Kerze trägt, braucht beide Hände. Die eine trägt, die andere bewahrt das Licht vor dem Erlöschen. Da lässt sich schwer Gewalt ausüben. Neben den Kerzen war der Ruf der Demonstranten „Keine Gewalt!“ unüberhörbar.
Es gab in den ersten Tagen und Wochen der Revolution noch staatliche Gewaltexzesse und Verhaftungen von Protestierenden. Überall im Land waren die Sicherheitskräfte in höchster Alarmbereitschaft. Als etwa am 23. Oktober 1989 die neue Bürgerrechtsbewegung Neues Forum die Menschen in Schwerin zu einer Demonstration aufrief, setzte der Bezirkschef der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) Heinz Ziegner die Kampfgruppen seiner Partei, eine paramilitärische Organisation von Beschäftigten aus Betrieben und staatlichen Einrichtungen, in Bereitschaft. Zudem stationierte er in den Partei- und Polizeigebäuden bewaffnete Truppen und postierte militärisches Geschütz in der Nähe des Protestortes in der Johann-Stelling-Straße. Staatssicherheit und Volkspolizei kontrollierten Plätze, Straßen und Verkehrsmittel. Außerdem kündigte Ziegner in Absprache mit der SED-Führung in Berlin an, am selben Ort eine Gegenkundgebung abzuhalten und mobilisierte dafür Tausende Mitglieder der SED und der Blockparteien, die mit Bussen nach Schwerin gefahren wurden.
Diese sollte ein Testlauf für weitere solcher Kundgebungen in der DDR sein. Doch die Pläne scheiterten. Ziegner konnte gegen die 40.000 Teilnehmer, die für das Neue Forum und für Veränderungen in der DDR auf die Straße gingen, nichts ausrichten. Parteichef Ziegner hatte die Macht der Kerzen und den friedlichen und entschlossenen Willen der Demonstrierenden unterschätzt. Selbst einige der herbeigerufenen SED-Genossen reihten sich am Ende in den Demonstrationszug des Neuen Forum ein.
Überall gab es Angst, aber auch wachsende Hoffnung. Je mehr Menschen und je mehr Kerzen umso mehr wankte das System. Die Kerzen waren Symbol für die Friedfertigkeit, für die Solidarität untereinander und das gemeinsame Streben nach Freiheit und Demokratie.
Serie

Teil 1: Die Stele am Hafen

Teil 2: „Die Erinnerung wachhalten“
Interview mit Kuratorin Dr. Sandra Pingel-Schliemann

Teil 3: Die Stele an der St. Georgen Kirche
Extra
Waren/Müritz ist von der Landesregierung und dem Landtag Mecklenburg-Vorpommern zum zentralen Gedächtnisort für die Friedliche Revolution 1989 im Land bestimmt worden. Zu dem durch den Landtag beschlossenen Konzept gehört neben der Errichtung eines zentralen Erinnerungszeichens auch die Erarbeitung einer Dauerausstellung und die jährliche Durchführung einer Veranstaltung in Waren/Müritz. Am 16. Oktober 2020 wurde das zentrale Erinnerungszeichen an der Georgenkirche in Waren/Müritz, eine begehbare Installation der Stuttgarter Künstler Dagmar Korintenberg und Wolf Kipper, der Öffentlichkeit übergeben. (Hintergrund – hier)

Tipp
Die Chronik zur Friedlichen Revolution, Themen, Orte, Zeitzeugen, das Zentrale Erinnerungszeichen, die Ausstellungen – alles zu finden auf mv1989.de