Perspektiven zur Freiheit

Eine Illustration auf der Stele an der St. Georgen Kirche

Die Freiluftausstellung in Waren (Müritz) zur Friedlichen Revolution von 1989. Teil 3 unserer Serie: die Stele an der St. Georgen Kirche. Thema: Vorboten der Revolution.


Hintergrund

Stelen und Informationen zur Friedlichen Revolution in MV befinden sich an diesen Standorten.

Es war ein wichtiger Meilenstein im Verlauf der Friedlichen Revolution auf dem heutigen Gebiet Mecklenburg-Vorpommerns: In den Abendstunden des 16. Oktober 1989 zogen 400 Frauen und Männer in Waren/Müritz schweigend und mit brennenden Kerzen durch die Innenstadt, von der Georgenkirche über den Marktplatz bis zur Marienkirche. In den folgenden Wochen und Monaten fanden in vielen großen und kleinen Städten und Gemeinden im ganzen Norden Demonstrationen statt. Als sich immer mehr Menschen auf die Straßen wagten, kam im Herbst 1989 eine Revolution in Gang, die in einem enormen Tempo eine dramatische Umwälzung der bestehenden Machtverhältnisse, Normen, Institutionen, Hierarchien zur Folge hatte und am Ende zur deutschen Einheit führte. Und dies friedlich und ohne Blutvergießen.


Stele an der St. Georgen Kirche

Forderung nach Glasnost und Perestroika auf dem Kirchentag in Ost-Berlin im Juni 1987. Quelle: Bundesstiftung Aufarbeitung, eastblockworld, 00038677.

Der Text auf der Stele (Auszug)

Die Revolution kam nicht plötzlich. Es gab Vorboten, die sie ankündigten.
Seit Mitte der 1980er Jahre nahm die Unzufriedenheit der Menschen im Land, ob zwischen Dassow und Usedom oder Sassnitz und Wittenberge zu. Die politische Enge, die Mangelwirtschaft und die stagnierende Lebensqualität wurden für sie immer belastender. Seit dem 4. September 1989 konnten etwa auf den Traditionswerften in Rostock, Wismar, Stralsund und Wolgast keine Schiffe mehr gebaut werden, weil das Geld fehlte. Während in anderen sozialistischen Ländern durch die Politik des sowjetischen Partei- und Staatschefs Michail Gorbatschow Reformprozesse angestoßen wurden, tat sich in der DDR nichts. Die Staatsführung der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) unter Erich Honecker machte weiter wie bisher.

Als am 7. Mai 1989 offiziell verkündet wurde, dass bei den Kommunalwahlen die Kandidaten und Kandidatinnen der Nationalen Front – das war eine Sammlungsbewegung von Parteien und Massenorganisationen in der DDR, die ausschließlich nach den Vorgaben der führenden SED handelte – wieder Spitzenergebnisse von über 95 Prozent erzielten, nahmen Menschen in Wismar, Neubrandenburg oder Rostock die Wahlmanipulation nicht mehr so einfach hin. In Waren/Müritz hatte etwa eine Gruppe von Menschen die Stimmenauszählung beobachtet und schwere Verstöße dokumentiert. Die Zahl der amtlichen Eingaben nahm nach der Wahl für die SED ein alarmierendes Niveau an und es gab erstmals größere Protestaktionen. Die Evangelische Studentengemeinde Rostock gründete zum Beispiel einen „Arbeitskreis Wahlen“, um sich zu organisieren.

Illustration auf der Stele an der St. Georgen Kirche

Zudem stiegen 1989 die Ausreiseanträge in bisher nie gekannte Dimensionen. Allein zwischen Januar und September 1989 stellten etwa 5.000 Menschen aus den drei Nordbezirken der DDR einen Antrag auf ständige Ausreise in die Bundesrepublik. In vielen Städten wie Schwerin und in Altefähr auf der Insel Rügen machten die Ausreiseantragsteller durch öffentliche Aktionen auf ihr Recht auf Freizügigkeit aufmerksam. Hinzu kam, dass die Zahl der Flüchtlinge rapide zunahm. Als Katalysator wirkte das sozialistische Nachbarland Ungarn, das im Mai seine Grenzsicherungsanlagen abbaute, während in der DDR das tödliche Grenzsystem zur Bundesrepublik weiterhin fest Bestand hatte. Ein weiteres Zeichen für die Reformunwilligkeit der Machthaber.

In den Kirchen wie im Schweriner Dom begannen im September die Friedensgebete, aus denen sich später die Montagsdemonstrationen entwickelten. In jenem Monat gründeten sich ebenfalls politische Organisationen, die sich als Bürgerbewegungen verstanden, und das Sprachrohr der Reformwilligen wurden. All das, was in den Monaten danach geschah und eine Diktatur zum Einsturz brachte, vollzog sich in einem rasanten Tempo.

Die Stele an der St.-Georgen-Kirche. Foto: Rita Gerlach-March

Serie

Teil 1: Die Stele am Hafen

Teil 2: „Die Erinnerung wachhalten“

Interview mit Kuratorin Dr. Sandra Pingel-Schliemann


Extra

Waren/Müritz ist von der Landesregierung und dem Landtag Mecklenburg-Vorpommern zum zentralen Gedächtnisort für die Friedliche Revolution 1989 im Land bestimmt worden. Zu dem durch den Landtag beschlossenen Konzept gehört neben der Errichtung eines zentralen Erinnerungszeichens auch die Erarbeitung einer Dauerausstellung und die jährliche Durchführung einer Veranstaltung in Waren/Müritz. Am 16. Oktober 2020 wurde das zentrale Erinnerungszeichen an der Georgenkirche in Waren/Müritz, eine begehbare Installation der Stuttgarter Künstler Dagmar Korintenberg und Wolf Kipper, der Öffentlichkeit übergeben. (Hintergrund – hier)

Quelle: Archiv

Tipp

Die Chronik zur Friedlichen Revolution, Themen, Orte, Zeitzeugen, das Zentrale Erinnerungszeichen, die Ausstellungen – alles zu finden auf mv1989.de


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