Spurensuche im Rungehaus

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Foto: Hendrik Lietmann

Die Autorin Sandra Pingel-Schliemann und der Fotograf Hendrik Lietmann haben sich auf Spurensuche durch MV begeben. Dabei entdeckten sie Orte, die auf besondere Weise die Geschichte der Friedlichen Revolution 1989 erzählen. Die Ausstellung zur Spurensuche ist ab 20. Oktober in Wolgast zu sehen.

Hintergrund

Am 11. November 1989 versammelten sich tausende Menschen in Wolgast, um ihren Ärger und ihre Frustration über das SED-Regime auszudrücken. Erst wenige Monate zuvor hatte es erste zaghafte Annäherungen an die noch versteckte Oppositionsbewegung gegeben, doch eine Lawine rollte bereits.

Während unsere Wahrnehmung der Friedlichen Revolution geprägt ist von den großen Demonstrationen in Leipzig und Berlin, fand der Aufbruch an vielen Orten statt – großen wie kleinen – und überall auf seine jeweils eigene Weise.

Bereits im Laufe des Jahres 1989 hatten Misstrauen anlässlich nachweislich gefälschter Kommunalwahlen und genereller Unmut gegenüber der Regierung der DDR zu Protesten an vielen Orten geführt. Auch im beschaulichen Norden, in Parchim, auf Hiddensee, in Greifswald und in Wolgast, zeigten Menschen Courage und Solidarität, taten sich zusammen und verabredeten sich.

Ausstellung

Aus dem Flyer zur Ausstellung

Veranstaltungen

Auszug aus „Spurensuche“

Friedlich zieht sie sich durch die Landschaft. Kaum etwas erinnert heute noch daran, dass die Bundesstraße 208 zwischen Roggendorf in Mecklenburg-Vorpommern und Mustin in Schleswig-Holstein einst unterbrochen war. 1952 wird an der Grenzlinie von DDR-Bautrupps der Asphalt dieser Straße aufgerissen, dahinter der Todesstreifen errichtet.

Jahrzehntelang war diese Straße ein Symbol der deutschen Teilung. 40 Jahre lang trennt die innerdeutsche Grenze willkürlich Menschen und Landschaften. Diesseits und jenseits der Grenze etablieren sich zwei völlig ungleiche Grenzräume. Während im Westen nur Warnschilder auf die Grenze verweisen, entsteht im Osten eine der am besten gesicherten Grenzen der Welt. Wer es wagt, sie zu überwinden, muss damit rechnen, getötet zu werden. Im Norden trennt die Grenze Mecklenburg mit den Bezirken Rostock und Schwerin von Schleswig-Holstein und teilweise Niedersachsen auf einer Länge von 231 Kilometern.

Foto: Hendrik Lietmann

Am Abend des 9. November 1989 verkündet das Mitglied des Politbüros der SED, Günter Schabowski, auf einer internationalen Pressekonferenz in Ost-Berlin ein neues Reisegesetz, das den DDR-Bürgern eine unkomplizierte Ausreise in den Westen „ab sofort, unverzüglich“ gestatten soll. Zu groß ist der Druck auf die Staatsführung geworden, zu viele DDR-Bürger fordern auf den Demonstrationen die Aufhebung der hermetischen Abriegelung.

Erdrutschartig verändert sich seit diesem Tag die komplizierte Geschichte des Ost-West-Konfliktes. Überall drängen Menschen noch am Abend des 9. November an die offiziellen Grenzübergangsstellen im Norden, ob in Selmsdorf-Schlutup, Horst-Lauenburg oder Zarrentin-Gudow. Schnell müssen neue Übergänge geschaffen werden, weil die wenigen für die Hunderttausenden von Reisewilligen nicht ausreichen.

Foto: Hendrik Lietmann

Am 12. November 1989 werden in den frühen Morgenstunden an der Bundesstraße 208 in aller Eile die auf DDR-Seite liegenden Sperranlagen entfernt und ein provisorischer Straßenbelag gezogen. Kilometerlang staut sich derweil auf der Ostseite der Verkehr. Um 13 Uhr öffnet sich für die Wartenden der Übergang, der erste behelfsmäßige im Norden. Ein Lada überquert zuerst die ehemalige Grenzlinie, die mit der Deutschen Einheit endgültig Geschichte wird.

An den Straßenrändern stehen Tausende Westdeutsche, die den DDR-Bürgern zujubeln, ihnen freundlich auf die Schultern klopfen. „Es sind Stunden, die ich nie vergessen werde. So einen Termin wie in Mustin hat man nur einmal im Leben“, kommentiert eine Journalistin aus Ratzeburg, die die historischen Stunden in beeindruckenden fotografischen Aufnahmen festhält.

Foto: Hendrik Lietmann

In den folgenden Tagen und Wochen kollabiert die Infrastruktur im westlichen Grenzraum aufgrund des hohen Besucheransturms. Mit großer Empathie wird jedoch in Ratzeburg, Mölln, Lübeck und anderswo improvisiert, denn die Freude über die Grenzöffnung ist ungeteilt. Die ostdeutschen Nachbarn erfahren bei den Bundesbürgern eine große Welle der Hilfsbereitschaft. Sie beginnt bei der Bereitstellung von Übernachtungsplätzen über die Verteilung von Freikarten für kulturelle Einrichtungen bis hin zum Begrüßungsgeld.

Der Euphorie folgt jedoch auch bald die Ernüchterung: Die vielbeschworene „innere Einheit“ begann sich an den andersartigen Lebensläufen und Prägungen durch zwei unterschiedliche Gesellschaftssysteme sowie den vielschichtigen Folgen der Transformationsprozesse auf beiden Seiten aufzureiben. Sie braucht auch 30 Jahre nach der Friedlichen Revolution noch Zeit, aber sie wird kommen.

Buchtipp

Spurensuche. Orte der Friedlichen Revolution in Mecklenburg-Vorpommern. Von Sandra Pingel-Schliemann und Hendrik Lietmann. Herausgeber: Landeszentrale für politische Bildung Mecklenburg-Vorpommern. Hier geht’s zur Bestellung

Ausstellungen zum Ausleihen

Foto: Wiebke Marcinkowski

Die Ausstellungen der LpB und ihrer Partner – von „Aufbruch im Norden“ bis „Spurensuche“. Hier der Überblick. Alle Infos zur kostenfreien Ausleihe auf mv1989.de

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