Politische Kultur

Vom / Landeskunde

Allens bliwwt bin ollen“ (Alles bleibt beim Alten) lautete Artikel 1 der von Fritz Reuter entworfenen mecklenburgischen Verfassung. Damit brachte der niederdeutsche Schriftsteller die Rückständigkeit Mecklenburgs im 19. Jahrhundert auf den Punkt. In die selbe Kerbe schlug angeblich auch Reichskanzler Otto von Bismarck, dem der Satz zugeschrieben wird: „Wenn die Welt untergeht, so ziehe ich nach Mecklenburg, denn dort geschieht alles 50 Jahre später.“ Es ist allerdings zweifelhaft, dass man heute mit Reuter und dem Reichskanzler sich der Antwort auf die Frage nähern kann, wie das Mecklenburg-Vorpommern politisch „tickt“.

Gleichwohl müssen einige historische Linien erwähnt werden, die wahrscheinlich (zumindest unterschwellig) bis in die Gegenwart reichen. Im späten Mittelalter gehörten mehrere Städte im heutigen Mecklenburg-Vorpommern zur Hanse und entwickelten sich zu wirtschaftlichen und kulturellen Zentren der Region. Die Universitäten in Rostock und Greifswald, gegründet im 15. Jahrhundert, sind die ältesten in Nordeuropa. Der Dreißigjährige Krieg führte zu einer beispiellosen Zerstörung und Entvölkerung des Landes. Die Folgen wirken bis heute nach, so etwa mit Blick auf die Siedlungs- und Wirtschaftsstruktur. Die Entvölkerung begünstigte die Entwicklung der großen Gutswirtschaften, die Basis der politischen Macht des Ritterstandes waren. Der Adel verhinderte dank der vergleichsweise schwachen Position der mecklenburgischen Herzöge eine Zentralisierung und Modernisierung des Landes.

Als im 19. Jahrhundert in anderen deutschen Ländern das Bürgertum aufbegehrte und politische Mitbestimmungsrechte erkämpfte, spielte es in Mecklenburg nur eine untergeordnete Rolle. Die bürgerlichen Reformkräfte waren nicht stark genug, um wie in fast allen anderen deutschen Ländern eine Parlamentarisierung des Landes auf den Weg zu bringen. Da es auf Landesebene keine Wahlen gab, konnten sich auch Parteien nicht etablieren.Die autoritäre Herrschaft, fehlende Freiheitsrechte, Arbeitslosigkeit und Armut waren entscheidende Faktoren, die die große Auswanderungswelle aus Mecklenburg in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts beförderten. Erst durch das Aufrüstungsprogramm des NS-Regimes in der 1930er Jahren erfuhr die Region einen Industrialisierungsschub, besonders durch die Flugzeugproduktion.

Bedeutsamer für die aktuelle Politik ist jedoch die Geschichte der Region nach 1945. Am Ende des Zweiten Weltkriegs wies die Region starke Zerstörungen auf. Die Flugzeug- und Rüstungsfabriken wurden durch die sowjetischen Besatzungstruppen demontiert. Die von der sowjetischen Besatzungsmacht und der SED in Gang gesetzte Bodenreform veränderte zunächst umfassend die Besitz- und Wirtschaftsstrukturen in Mecklenburg und Vorpommern. Dieser Prozess wurde jedoch ab 1952 durch die Bildung der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) abgebrochen.

Das Ergebnis war die Wiederherstellung riesiger landwirtschaftlicher Betriebe und eine fehlende Diversifizierung des Besitzes in der dörflichen Gemeinschaft.

Die SED-Führung forcierte in den 1960er und 1970er Jahren den industriellen und infrastrukturellen Ausbau des landwirtschaftlich geprägten Nordens. Gezielt wurden Industriebetriebe angesiedelt. Darüber hinaus stationierte die SED-Führung in erheblichem Umfang Einheiten der Nationalen Volksarmee (NVA) im Land. Dieser Aufbau ging mit einer gezielten Zuwanderungspolitik einher. Das Land erlebte insofern eine erhebliche Modernisierung. Unabhängig von der Gesamtbilanz des SED-Staates ist den Menschen in der Region die DDR zum Teil als Zeit des Aufschwungs im Gedächtnis verhaftet.

Der wirtschaftliche und soziale Transformationsprozess seit 1990 traf die Region härter als beispielsweise Sachsen oder Thüringen. Unter den Bedingungen des freien Marktes hatten die fragilen Modernisierungen aus der Zeit bis 1989 zum Großteil keinen Bestand. Zehntausende Industriearbeitsplätze gingen verloren. In der Landwirtschaft wurde ebenfalls in kürzester Zeit ein Großteil der Berufstätigen arbeitslos. Der rasante Transformationsprozess begünstigte eine enorme Abwanderungswelle. Das Land verlor in kurzer Zeit etwa 300.000 Einwohner. Insofern kann es nicht verwundern, dass die Entwicklung des Landes nach 1990 in der Bevölkerung zunächst als „Verlust“ wahrgenommen wurde.

Selbsteinschätzungen

Wer in Mecklenburg-Vorpommern Politik gestalten will, muss nicht nur historisch „gewachsene“ Rahmenbedingungen berücksichtigen. Auch das Selbstbild der Bürgerinnen und Bürger spielt eine Rolle. Die Zuschreibung Mecklenburg-Vorpommerns als „ostdeutsches“ Bundesland ist nach wie vor sehr verbreitet. Wenn sich die Bürger selbst beschreiben, ergibt sich jedoch ein anderes Bild. Lediglich 13 Prozent sehen sich in erster Linie als „Ostdeutsche“, dagegen weisen 46 Prozent eine regionale Identifikation als Mecklenburger oder Vorpommern auf. Weitere 20 Prozent, und damit die zweitgrößte Gruppe, begreifen sich zunächst als „Norddeutsche“. Sie sehen laut ihr Land und sich selbst als „natürlich, ländlich, bodenständig und norddeutsch“. 92 Prozent finden, dass der Spruch „MV – ein Land zum Leben“ zu Mecklenburg-Vorpommern passt, dass sie also auch selbst hier gern leben.

Die Bewohner Mecklenburg-Vorpommerns weisen eine hohe Verbundenheit mit ihrem Land auf. Insbesondere die Natur mit der Ostseeküste oder der Mecklenburgischen Seenplatte und das hierauf aufbauende Image als neben Bayern beliebtestes Urlaubsland der Deutschen sind identitätsstiftend. Die Einwohner sind außerdem zunehmend stolz, auf die in den vergangenen 25 Jahren geleistete Aufbauarbeit. 2014 stimmten 86 Prozent dieser Aussage zu.

Die Prägung als Küstenland und der protestantisch-kulturelle Hintergrund sind Elemente einer gemeinsamen Identität der norddeutschen Länder, hinter der die Ost-West-Trennung zurücktritt. Ein weiterer wichtiger Pfeiler dieser gemeinsamen norddeutschen Verbundenheit ist – trotz kleinerer Unterschiede im Detail – die plattdeutsche Sprache. Auch wenn diese nicht mehr von sehr vielen Menschen im Alltag gesprochen wird, ist ihre Identifikationskraft hoch.

Die ausgeprägte regionale Identität zeigt zudem, dass die administrative Zerstückelung der Region durch die SED-Führung mit der Bildung der drei Nordbezirke 1952 künstlich war und offenbar keine Auswirkungen auf die Identität der Menschen hatte.

Zudem gibt es im „Bindestrichland“ Mecklenburg-Vorpommern kaum größere landsmannschaftlich-kulturelle Konflikte. Meistens sind diese eher durch einen Gegensatz zwischen „Zentrum“ und „Peripherie“ geprägt, wenn es um Verteilungsfragen geht, zum Beispiel wenn sich die vorpommerschen Kreise über eine fehlende Unterstützung aus dem „fernen“ Schwerin beklagen. Gleichwohl sind diese Konflikte bei weitem nicht so politisch aufgeladen, wie einige landsmannschaftliche Animositäten in den west- und süddeutschen Ländern. Laut Umfrage 2014 sehen 76 Prozent überwiegend Verbindendes zwischen Mecklenburgern und Vorpommern. Die Bedeutung der religiösen Zugehörigkeit spielt bei den Bürgern eine eher untergeordnete Rolle. Die DDR-Politik hat die Rolle der Kirchen nachhaltig zu schmälern versucht. 2013 waren nur noch 17 Prozent der Menschen im Land Mitglied der evangelischen und lediglich etwas über drei Prozent Mitglied der katholischen Kirche. Gleichwohl spielen die Kirchen im politischen Raum ihre Rolle. Energisch wehrten sie sich zum Beispiel immer wieder gegen die Sonntagsöffnung der Geschäfte in Urlaubsorten.

Obwohl es keine Forschung mit Blick auf die politischen Kultur im politikwissenschaftlichen Sinn in Mecklenburg-Vorpommern gibt, erscheint es dennoch unstrittig, dass einige politisch bedeutsame Verhaltensweisen, die sich in der Bevölkerung der neuen Bundesländer feststellen lassen, auch in Mecklenburg-Vorpommern vorzufinden sind, und die dementsprechend als „ostdeutsch“ bezeichnet werden können. Zu diesem DDR-Erbe zählt die nach wie vor vorhandene starke Output-Orientierung, also ein hohes Maß an Anforderungen an den Staat, Leistungen in vielfältiger Form zu erbringen. Demgegenüber ist die Input-Orientierung, also die Bereitschaft, sich aktiv an demokratischen Prozessen zu beteiligen, eher gering ausgeprägt. Das spiegelt sich unter anderem in den Mitgliederzahlen der Parteien wider. Nachgelassen hat ein Phänomen der Jahre unmittelbar nach 1990, als die Bürger erwarteten, dass sich in den Wahlkreisen auch Landtagsabgeordnete der Oppositionsfraktionen für die Politik der Mehrheit verantworten.

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