Frau Fischer zieht in den Landtag

Illustrationen: Mario Lars

Frau Fischer lebt in Mecklenburg-Vorpommern. In ihrem Heimatort engagiert sie sich schon viele Jahre in der Kommunalpolitik. Jetzt tritt sie zur Landtagswahl an. In unserer Broschüre begleiten wir Frau Fischer auf diesem Weg.


Der schönste Landtag Deutschlands

Wo einst der Großherzog seine Entscheidungen für Mecklenburg traf, wird heute die Politik für Mecklenburg-Vorpommern bestimmt. Hier, im Parlament, sitzen die in den Landtag gewählten Volksvertreterinnen und Volksvertreter. Hier werden Gesetze verabschiedet. Hier wird entschieden, wofür das Land Geld ausgibt. Und hier wird die Ministerpräsidentin/der Ministerpräsident gewählt.

Viele sagen, das Schweriner Schloss ist Deutschlands schönster Landtagssitz. Wer in die Landeshauptstadt Schwerin fährt, kommt am Schloss nicht vorbei. Weithin sichtbar thront es auf einer kleinen Insel im See. Frau Fischer war schon oft hier. Schon als Kind hat sie bewundernd vor dem prachtvollen Bau gestanden. Als Erwachsene ist die Bewunderung für den Bau geblieben. Hinzugekommen ist ihr Interesse an Politik.

Frau Fischer möchte hinein in dieses Schloss. Nicht als Besucherin, sondern als Landtagsabgeordnete ihrer Partei. Hier möchte sie sich für die Menschen in ihrem Wahlkreis stark machen. Aber so einfach ist das gar nicht.


Große Entscheidung

Wenn Frau Fischer zu Hause aus dem Fenster guckt, kann sie das Schweriner Schloss nicht sehen. Viel zu weit weg ist es. Aber wenn Frau Fischer die Augen schließt, sieht sie das Schloss ganz klar. Und sie sieht sich darin.

Seit 20 Jahren ist Frau Fischer politisch aktiv. Sie möchte sich engagieren, will mitbestimmen. In einer Partei hat sie ihre politische Heimat gefunden; in einer Partei, die ihren Vorstellungen vom Miteinander in der Gesellschaft entspricht.

Von Anfang an schätzte man die junge, engagierte Frau. Schon nach kurzer Zeit saß sie für ihre Partei in der Stadtvertretung ihrer kleinen Heimatstadt, später zog sie in den Kreistag ein. Heute ist Frau Fischer die Kreisvorsitzende ihrer Partei. Wenn sie durch ihren Heimatkreis fährt, entdeckt sie überall Spuren ihrer Arbeit. Einen Bus, der fährt, weil ihre Partei sich für den Erhalt der Buslinie eingesetzt hat. Eine Kreisstraße, die trotz knapper Kassen saniert werden konnte.

Aber Frau Fischer sieht auch Sachen, die ihr weniger gefallen. Die Zuständigkeit des Kreises hört bei der Landesstraße auf. Da gibt es Löcher, für deren Stopfung sie gern kämpfen würde. In die Bildungspolitik möchte sie sich einmischen – und kleine Firmen würde sie mehr fördern. Als Landtagsabgeordnete könnte sie Entscheidungen darüber beeinflussen.

Dass sie als Abgeordnete viele Tage in Schwerin sein müsste, ist für Frau Fischer kein Problem. Ihr Mann und sie: Beide sind berufstätig, viel unterwegs, beide kümmern sich um die Aufgaben zu Hause. Die Familie macht mit, die Kinder, ihr Mann: Alle drücken ihr die Daumen.


Frau Fischer wird Direktkandidatin

Es wird richtig laut, als sich Frau Fischer und die anderen Parteimitglieder aus ihrem Wahlkreis treffen und Frau Fischer verkündet, dass sie für die Partei als Direktkandidatin in ihrem Wahlkreis antreten möchte. Aufgeregt reagiert vor allem Herr Meier. Die vergangenen vier Wahlen war doch er der Direktkandidat in diesem Wahlkreis. Seit vielen Jahren sitzt er nun schon im Landtag.

Herr Meier kämpft um das Mandat. Er hält eine flammende Rede, betont seine Erfahrung. Tenor: Er kennt sich aus in Schwerin. Frau Fischer bleibt nicht die Einzige, die sich neben Herrn Meier um das Direktmandat ihrer Partei bewirbt. Frau Schulze, ehrenamtliche Bürgermeisterin der kleinsten Gemeinde des Kreises, tritt ebenfalls an.

Auch sie halten beide eine Rede, berichten, wie sie die Interessen der Bürgerinnen und Bürger aus ihrem Wahlkreis im Landtag vertreten wollen. Fast drei Stunden wird diskutiert. Dann wird abgestimmt. Geheim. Niemand weiß, wer wem die Stimme gibt.

Und tatsächlich: Frau Fischer bekommt die meisten Stimmen. Die Delegierten schicken sie als Direktkandidatin in den Wahlkampf.


Guter Listenplatz

Direktkandidatin der Partei zu sein, ist keine Garantie für den Einzug in den Landtag. Das weiß Frau Fischer. Schließlich stellen fast alle Parteien, die zur Landtagswahl antreten, in den einzelnen Wahlkreisen eigene Kandidatinnen und Kandidaten auf. Und am Ende schafft nur diejenige/derjenige den direkten Einzug in den Landtag, die/der die meisten Stimmen erhält. 36 der in der Regel 71 Sitze im Landtag von MV werden an Direktkandidatinnen und Direktkandidaten vergeben. Die anderen Plätze werden entsprechend des Wahlergebnisses auf all die Parteien verteilt, die es in den Landtag geschafft haben. Je mehr Stimmen eine Partei erhält, desto mehr Sitze bekommt sie im Landtag.

Wer diese Sitze erhalten soll, bestimmen die Parteien einige Monate vor der Wahl. Dazu ruft jede Partei einen Parteitag ein. Auf dem stimmen die dafür ausgewählten Parteimitglieder darüber ab, wer auf die Landesliste kommt. Und in welcher Reihenfolge. Je weiter oben man steht, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, in den Landtag zu kommen, auch wenn es nicht für ein Direktmandat reichen sollte.

Frau Fischer ist ganz schön nervös. Als Delegierte war sie schon öfter auf Parteitagen, hat mit abgestimmt. Jetzt tritt sie selbst zur Wahl an. Der Reihe nach stellen sich die Kandidatinnen und Kandidaten vor, berichten, was sie bisher geleistet haben und was sie im Landtag leisten möchten. Beifall wird geklatscht, manchmal leise gemurrt.

Als Frau Fischer ans Mikrofon tritt, wird es still. Als Kandidatin ist sie in ihrer Partei ein neues Gesicht.Frau Fischer räuspert sich. Extra eine Rede hat sie vorbereitet, hat alles aufgeschrieben, Punkt für Punkt. Sie schaut in die Gesichter vor ihr – und lässt die Rede in der Tasche. Sie redet frei, spricht von der Zukunft, die sie gern mitgestalten möchte.

Am Ende gibt es viel Applaus. Und als die Delegierten schließlich über die Landesliste ihrer Partei abstimmen, ist Frau Fischer glücklich. Auf Anhieb landet sie auf Platz 5. Auch Herr Meier und Frau Schulze aus ihrem Wahlkreis stehen weiter hinten auf dieser Liste.


Im Wahlkampf

Jetzt sind es nur noch ein paar Wochen bis zur Wahl und Frau Fischer hat kaum noch eine ruhige Minute. Tagtäglich ist sie in ihrem Wahlkreis unterwegs. 

Sie besucht Dorfkneipen und Stricknachmittage. Oft steht sie mit einem kleinen Tisch unterm Sonnenschirm vor dem Einkaufszentrum der Stadt. Sie fragt die Leute, was sie bewegt. Fragt, was sie für sie tun kann, falls sie in den Landtag gewählt wird. Sie hört zu und beantwortet Fragen. Vorzustellen allerdings braucht sie sich so gut wie nie. Man kennt sie in ihrem Wahlkreis. Selbst in den kleinsten Dörfern hängen Bilder von ihr an den Laternen. Ihre Partei hat viele Plakate drucken lassen.

Frau Fischer findet es ein bisschen unangenehm. Und schwierig ist es auch, jeden Tag so frisch auszusehen wie auf dem Foto vom Wahlplakat. Das wurde extra in einem Fotostudio aufgenommen. Jetzt, im Wahlkampf, kommt sie kaum noch zum Schlafen.

Wenn Frau Fischer ihren Wahlkreis verlässt, kann sie mal durchatmen. Hier lächeln andere Gesichter auf den Plakaten. Mit einer Ausnahme. Die Köpfe der Spitzenkandidatinnen/Spitzenkandidaten der Parteien sieht man im ganzen Land. Und natürlich Plakate ohne Leute, dafür mit Aussagen, wofür die Parteien stehen. Großformatige Schlagworte bestimmen das Bild: Arbeit, Gerechtigkeit, Umwelt, Rente, Zukunft…

Frau Fischer sitzt auf dem Podium im Saal des Gemeindehauses. Ein Sportverein hat die Direktkandidatinnen und Direktkandidaten aus dem Wahlkreis eingeladen. Alle stehen Rede und Antwort. Und Frau Fischer erzählt von der Straße, die neuen Asphalt bräuchte, und vom Radweg, für den es Fördermittel geben müsste.


Gewonnen!

Bis zum Wahltag ist Frau Fischer unterwegs, macht Werbung für sich und ihre Partei. Am Wahlsonntag selbst schläft sie aus. Wer weiß, wann sie wieder dazu kommt. Frau und Herr Fischer frühstücken spät und in aller Ruhe an diesem Tag. Dann gehen sie gemeinsam ins Wahllokal. Sie nehmen sich die Zeit, unterwegs noch mit Nachbarn zu plauschen. Sie holen sich ihre Stimmzettel und verschwinden nacheinander in den Wahlkabinen.

Jede/r hat zwei Stimmen. Die erste können sie einer Direktkandidatin/einem Direktkandidaten geben, die zweite einer Partei. Frau Fischer und ihr Mann setzen ihre Kreuze, falten die Zettel und stecken sie in die Wahlurne. „Hast du mich gewählt?“, fragt Frau Fischer. „Wahlgeheimnis“, sagt ihr Mann und lacht.

Am Nachmittag fährt die ganze Familie nach Schwerin, zur Wahlparty ihrer Partei. In einem Saal sind Leinwände aufgebaut, auf denen am Abend die Ergebnisse verkündet werden. Eigentlich könnte Frau Fischer entspannt sein, die letzten Umfrageergebnisse sahen gut aus für ihre Partei. Je weiter die Uhrzeiger jedoch vorrücken, je näher sie 18 Uhr und damit der Schließung der Wahllokale kommen, desto angespannter wird die Stimmung im Raum.

Frau Fischer hält es nicht mehr auf dem Platz. Als 18 Uhr die Säulen für die Prognose des Wahlergebnisses auf der Leinwand nach oben fahren, brandet Jubel auf. Frau Fischer kann es gar nicht fassen. Ihre Partei hat demnach mehr Stimmen bekommen als beim letzten Mal. Und mit ihrem Listenplatz Nummer fünf ist sie sicher im Landtag. Sie umarmt ihren Mann. Und dann wird gefeiert. Nach und nach werden alle Stimmen ausgezählt. Die Ergebnisse bestätigen die Prognose. Frau Fischer ist glücklich.

Eine Stunde später sind auch die Ergebnisse aus ihrem Wahlkreis da. Es ist – eine riesengroße Überraschung. Frau Fischer hat es tatsächlich geschafft und als Neuling sogar das Direktmandat in ihrem Wahlkreis errungen.


Einzug ins Schloss

Frau Fischer steht vor dem Schweriner Schloss und schaut staunend zu den unzähligen Türmen hoch. Das ist ab jetzt also auch ihr Arbeitsplatz. Hinter einem der vielen Fenster liegt ihr Büro. Sie hat aber auch noch ein Büro in ihrem Wahlkreis. Denn als Landtagsabgeordnete arbeitet sie nicht die ganze Zeit nur in Schwerin. Schließlich vertritt sie hier, im Landtag, ja die Interessen der Menschen aus ihrer Region. Deshalb arbeitet sie auch viel dort, vor Ort. Und im Kreistag ihres Landkreises ist sie auch weiterhin noch Mitglied.

Es wird ein paar Tage dauern, bis sie sich im Gewirr der Gänge und Treppen des Schlosses zurechtfindet. Ein bisschen aufgeregt ist Frau Fischer schon, als sie den Plenarsaal betritt. Hier sitzen die Abgeordneten. Jede/r hat einen festen Platz. Alle Mitglieder einer Partei sitzen zusammen und bilden eine Fraktion.

Heute ist die erste, die so genannte konstituierende Sitzung des neu gewählten Landtages. Der Saal füllt sich. Heute wählen die Abgeordneten die Landtagspräsidentin oder den Landtagspräsidenten und die Stellvertreter oder Stellvertreterinnen. Und sie legen zusammen die Geschäftsordnung fest. Darin stehen die Regeln für den Landtag, z.B. die Redezeiten im Plenum und die Verhaltensregeln für die Abgeordneten.

Frau Fischer lehnt sich in ihrem Stuhl zurück. Macht schnell noch ein Foto und schickt es ihrem Mann. Der schickt einen Smiley zurück. Als die Sitzung beginnt, schaut Frau Fischer sich noch einmal um. Hier wird sie mit ihren Kolleginnen und Kollegen die nächsten fünf Jahre eng zusammenarbeiten. Sie freut sich darauf.


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Frau Fischer zieht in den Landtag. Herausgeber: Landeszentrale für politische Bildung MV. Die Broschüre können Sie kostenlos bestellen – hier