
„Stolpersteine Digital“: Mit der Aufnahme der Rostocker Denksteine wird das Erinnerungsprojekt ausgebaut. Vorstellung der erweiterten App: 13. März in der Hansestadt.
Hintergrund
In vielen Städten und Gemeinden in Mecklenburg-Vorpommern finden sich Stolpersteine. Die Landeszentrale für politische Bildung Mecklenburg-Vorpommern hat sich 2025 gemeinsam mit dem IT-Dienstleister Dataport auf den Weg gemacht, alle Stolpersteine und vor allem die Biografien von Opfern des Nationalsozialismus in Mecklenburg-Vorpommern in der App „Stolpersteine Digital“ zu erfassen. Stand Frühjahr 2026 sind die Stolpersteine der Landeshauptstadt Schwerin, der Hansestadt Stralsund, der Universitäts- und Hansestadt Greifswald, der Hansestadt Wismar sowie von Pasewalk und Waren (Müritz) in die App integriert. Ziel der Landeszentrale ist es in 2026 und 2027, alle Stolpersteine inklusive der Biografien nach Landkreisen in die App zu integrieren.
App mit Gedenkfunktion
Was diese App besonders macht, ist ihre Fähigkeit, diese Denkmäler zu verknüpfen: mit den Biografien der Menschen, den historischen Kontexten und interaktiven Erlebnissen. Nutzerinnen und Nutzer der App können mit der Kamera ihres Mobiltelefons Stolpersteine scannen und so die Biografie des Menschen abrufen, an den dort erinnert wird. Zudem enthält die App eine Gedenkfunktion. Mit Hilfe von Augmented Reality kann eine Kerze am Stolperstein platziert werden und mit einer Gedenkbotschaft und dem eigenen Namen ergänzt werden. Andere Nutzerinnen und Nutzer der App können diese Kerzen dann auf ihrem Mobiltelefon sehen. Die Kerzen verbleiben für einen Zeitraum von sieben Tagen in der virtuellen Realität.
Die App „Stolpersteine Digital“ kann unter diesem QR Code heruntergeladen werden:

Ergänzend zur App findet man seit Oktober 2025 umfassendes pädagogisches Material von unterschiedlichen Bildungsträgern auf der Webseite stolpersteine.digital. Diese Übersicht wurde zusammengestellt vom Landesbeauftragten für politische Bildung Schleswig-Holstein und den Landeszentralen für politische Bildung Bremen, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt.
Rund 90.000 Stolpersteine in einer App
Seit 2023 gibt es die App „Stolpersteine Digital“. Nachdem bis Ende 2024 alle Stolpersteine in Schleswig-Holstein in die App integriert worden sind, konnten 2025 weitere Stolpersteine in Bremen und Mecklenburg-Vorpommern aufgenommen werden. Gefördert durch die Bundeszentrale für politische Bildung beginnt nun der Roll-out auf ganz Deutschland. Das Ziel ist, bis Ende 2027 möglichst alle der ca. 90.000 Stolpersteine in Deutschland in der App „Stolpersteine Digital“ zu erfassen. Die App ist ein Kooperationsprojekt des Landesbeauftragten für politische Bildung Schleswig-Holstein sowie weiterer Landeszentralen für politische Bildung. Das Gesamtbudget des bundesweiten Roll-outs beträgt 250.000 Euro. Die Bundeszentrale für politische Bildung fördert das Projekt mit 179.000 Euro. Die übrigen Mittel werden durch einzelne Landeszentralen und den Landesbeauftragten für politische Bildung getragen. Realisiert wurde die App vom IT-Dienstleister Dataport.
Kompakt
Die Landeszentrale für politische Bildung Mecklenburg-Vorpommern, das Max-Samuel-Haus Rostock und der IT-Dienstleister Dataport laden zur Vorstellung der App „Stolpersteine Digital“ ein. Mit der Aufnahme der Rostocker Denksteine wird das digitale Erinnerungsprojekt weiter ausgebaut.
Freitag, 13. März 2026, 13 Uhr
Stolpersteine für Familie Siegmann, Schillerplatz 3, 18055 Rostock
(bei Schlechtwetter: Max-Samuel-Haus Rostock, Schillerplatz 10, 18055 Rostock)
Programm
Begrüßung
Schmidt, Direktor der Landeszentrale für politische Bildung Mecklenburg-Vorpommern
Grußwort
Dr. Hella Ehlers, stellv. Vorstandsvorsitzende des Vereins der Freunde und Förderer des Max-Samuel-Hauses e.V.
Grußwort
Landesrabbiner Yuriy Kadnykov oder der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Rostock, Juri Rosov
(in Absprache)
Kurzes Gedenken
Einleitende Worte zu Leben und Schicksal der Familie Siegmann, an deren Denksteinen die Vorstellung der App stattfindet, durch Mitarbeitende des Max-Samuel-Hauses
Gemeinsame Projektvorstellung der App „Stolpersteine Digital“ durch Jochen Schmidt, Direktor der Landeszentrale für politische Bildung Mecklenburg-Vorpommern, und Lars Mischak, Leiter Lösungen Kultur und Wissenschaft beim IT-Dienstleister Dataport
Denksteine der Familie Siegmann
Richard Siegmann, 1872 in Berlin als Sohn einer wohlhabenden jüdischen Kaufmannsfamilie geboren, stand von 1898 bis 1935 als Generaldirektor an der Spitze der Rostocker Straßenbahn AG. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts engagierte er sich zudem maßgeblich für die touristische Vernetzung und Vermarktung der mecklenburgischen Ostseebäder. Als liberaler Kommunalpolitiker und Stadtverordneter setzte er sich zwischen 1913 und 1933 insbesondere für den Ausbau der kulturellen Infrastruktur ein. Von 1926 bis 1936 leitete er die Israelitische Landesversammlung der jüdischen Gemeinden in Mecklenburg-Schwerin.
Schillerplatz 3 in Rostock
1903 heiratete er Margarete Salomon, geboren 1881 in Schwerin, die einer alteingesessenen mecklenburgischen jüdischen Familie entstammte. Noch im selben Jahr wurde die Tochter Melanie geboren, es folgten Hans (1905) und Hedwig (1906). Die Familie führte in der Villa am Schillerplatz 3 einen großbürgerlichen Haushalt. Während die Töchter Unterricht in Tanz und Gesang erhielten, studierte der Sohn Rechtswissenschaften.
Ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert
Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme wurde Richard Siegmann 1933 aus sämtlichen Ehrenämtern gedrängt und 1935 aus dem Dienst der Straßenbahn entlassen. 1936 verließen Richard und Margarete Siegmann Rostock und zogen nach Berlin, wo ihre Kinder bereits lebten. Die folgenden Jahre verbrachten sie dort unter zunehmend schwierigen materiellen Bedingungen. 1943 wurden Richard und Margarete Siegmann in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert und kamen noch im selben Jahr dort ums Leben. Ihre Tochter Hedwig, die bei ihren Eltern in Berlin geblieben war, wurde 1943 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Hans und Melanie – sie heiratete in Berlin den Gynäkologen Ludwig Litten – konnten 1939 rechtzeitig nach Shanghai fliehen. 1949 emigrierten sie in die Vereinigten Staaten von Amerika. Hans und Melanie starben 1992.
Denksteine für Richard, Margarete und Hedwig Siegmann
Vor dem Haus Schillerplatz 3 befinden sich drei Denksteine für Richard, Margarete und Hedwig Siegmann. Die Steine für Margarete und Hedwig sind aus Naturstein. Der Stein für Richard Siegmann ist aus Messing. Sie wurden 2006 und 2021 verlegt.
Denksteine in Rostock
Denksteine sind ein Zeichen der Erinnerung und in die Gehwege der Hanse- und Universitätsstadt Rostock eingelassen. Sie erinnern an die jüdischen Einwohner und Einwohnerinnen Rostocks, die während der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt wurden und durch die Shoa (Holocaust) ihr Leben verloren.
Auf ihnen sind jeweils der Name, der letzte Wohnort, das Todesdatum und der Todesort eingraviert und jeder Stein wird jeweils in das Pflaster vor jenem Haus eingelassen, an dem diese Personen zuletzt gelebt oder gewirkt haben.
Der Verein der Freunde und Förderer des Max-Samuel-Hauses e.V. setzt mit den Steinen jenen Menschen ein Denkmal, die durch die nationalsozialistische rassistische Verfolgung ums Leben kamen.
Seit wann gibt es das Denkstein-Projekt?
Im Jahre 2000 griff der Förderverein die Idee Gunter Demnigs auf, die erstmals 1992 in Köln verwirklicht wurde und begann auch in Rostock Steine zu verlegen. Diese Initiative führt der Verein seit 2016 als Denkstein-Projekt fort.
Die Stiftung – Spuren – Gunter Demnig hat 2015 der weiteren Nutzung des Begriffes Stolperstein durch die Rostocker Initiative widersprochen. Die Demnig-Stiftung hatte sich 2006 den Begriff Stolperstein als geschützte Marke eintragen lassen. Sie mochte dem weiteren Gebrauch des Begriffs Stolperstein auch gegen Gebühr nicht zustimmen. Der Verein hat daher den Begriff Denkstein gewählt, um auch weiterhin die vielen Beteiligten dieser Rostocker Initiative einbeziehen zu können.