
„Ich bringe 1620 Liter Ostseewasser in die DuG – verteilt auf 135 blaue Eimer“, sagt Marie Jeschke. „Jeder Eimer steht für einen der 135 Menschen, die bei Fluchtversuchen über die Ostsee ertrunken sind.“ Ihre Ausstellung „Fluide Grenze“ in der Dokumentations- und Gedenkstätte Rostock wird am Mittwoch eröffnet.
Das Thema Flucht beschäftigt auch Ihre Familie. Woran erinnern Sie sich?
Marie Jeschke: Meine Kindheit habe ich zu einem großen Teil auf kleinen Segelbooten verbracht. Von April bis Oktober waren wir auf dem Wasser – auf dem Greifswalder Bodden, dem Strelasund und auch auf den wenigen Ostseestrecken, die für die Zivilbevölkerung befahrbar waren. Im Umfeld meiner Eltern gab es immer wieder Gespräche über Fluchtversuche, manche Menschen sind auch über den Wasserweg abgehauen. Als Kind bekam ich davon eher geflüsterte Fragmente und die aufgeregte Stimmung mit, weniger die Fakten.
Ein mir nahestehender Verwandter floh damals ebenfalls in den Westen. Ich konnte das nicht verstehen – niemand sprach mit uns Kindern darüber. Dass er seinen Stiefsohn als eine Art Pfand zurückließ, war für mich als Sechsjährige unendlich traurig. Bis heute wurde über diesen Teil der Familiengeschichte kaum offen gesprochen. Deshalb erinnere ich keine klaren Bilder, sondern vielmehr Gefühle und unscharfe Spuren aus dieser Zeit.
„Fluide Grenze“ heißt Ihre Ausstellung. Was zeigen Sie in der DuG Rostock?
Der Titel verweist auf eine Videoarbeit mit gleichnamigen Titel, die im Sommer 2024 auf der Ostsee entstanden ist. Den Film zeige ich in einer Videoinstallation in der ehemaligen Küche der Haftanstalt. Außerdem bringe ich 1620 Liter Ostseewasser in die DuG – verteilt auf 135 blaue Eimer, die im Freihof als ortsspezifische Installation zu sehen sein werden. Jeder Eimer steht für einen der 135 Menschen, die bei Fluchtversuchen über die Ostsee ertrunken sind.
Das Wasser wird im Laufe der Ausstellungszeit über die Mauern der Haftanstalt entweichen, indem es verdunstet und so Teil des großen globalen Wasserkreislaufs wird.
Zusätzlich zeige ich Malereien, die ich „Membranen“ nenne. Viele von ihnen sind direkt im Wasser entstanden, an ehemaligen Flucht-Einstiegsstellen. Eine weitere Videoinstallation befindet sich im Eingangsbereich bei den Erstaufnahmezellen. Die Aufnahmen dazu sind ebenfalls dieses Jahr auf der Ostsee entstanden und zeigen ein Schlauchboot, das zugleich wie eine Qualle oder eine mikroskopische Zellaufnahme wirkt – ein Mischwesen, das zwischen Vergangenheit und Gegenwart treibt und auch an die vielen Menschen erinnert, die auf der Flucht über das Mittelmeer nach Europa ihr Leben verlieren.
Kunst an einem besonderen Ort, der Dokumentations- und Gedenkstätte Rostock. Weshalb passt das?
Ich bin in Rostock, 1982, geboren. Mit der Ausstellung kehre ich an meinen Geburtsort und ein Stück weit in meine eigene Vergangenheit zurück. Ob die Dokumentations- und Gedenkstätte der passende Ort für diese Ausstellung ist, möchte ich erst nach der Eröffnung beantworten.
Was ich jedoch schon jetzt sagen kann: Das Ausstellungsprojekt in der DuG zwingt mich zur Auseinandersetzung mit einem eindringlichen Ort – dem ehemaligen Gefängnis der Staatssicherheit. Für mich ist eine künstlerische Annäherung an dieses komplexe Themenfeld passend, weil Kunst einen Raum eröffnet um Hinzuschauen und Hineinzuspüren – in die tabuisierten Bereiche und tiefen Falten einer Gesellschaft und auch meiner eigenen Familiengeschichte.
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„Fluide Grenze“ in der DuG Rostock

Kunst in der Dokumentations- und Gedenkstätte Rostock: Am 26. November wird die Ausstellung „Fluide Grenze“ der Künstlerin Marie Jeschke eröffnet.
Hintergrund
Der Mauerfall hat sich in diesem Jahr zum 36. Mal gejährt. Für viele Menschen, die aus der DDR fliehen wollten, kam dieser Tag zu spät – Menschen haben Verfolgung und Haft erfahren, viele Flüchtlinge haben ihr Leben gelassen. Für die Dokumentations- und Gedenkstätte Rostock stehen diese Menschen immer wieder im Mittelpunkt – zur Erinnerung und Auseinandersetzung in diesem Jahr mit einer künstlerischen Einzelausstellung.
In Zusammenarbeit mit dem Kunstverein zu Rostock e.V. eröffnet die DuG Rostock am Mittwoch, den 26. November, ab 18 Uhr die Ausstellung „Fluide Grenze“.

Marie Jeschke, geboren 1982 in Rostock, ist eine international anerkannte Künstlerin, die in Berlin lebt. Ihre künstlerische Praxis vereint Malerei und Performance zu interdisziplinären Werken. Seit Sommer 2024 beschäftigt sich die Künstlerin, deren eigene Familiengeschichte in enger Verbindung mit dem Thema Flucht steht, intensiv mit Orten, an denen DDR-Fluchtversuche über die Ostsee oder Grenzflüsse stattgefunden haben. Dort geht sie mit Leinwand und Pflanzenfarbe direkt ins Wasser. Durch den performativen Akt des Schwimmens unter Wasser nutzt die Künstlerin die Bewegungen ihres eigenen Körpers, um kraftvolle, aus der Tiefe des Unsichtbaren entstandene Kunstwerke zu schaffen, die ein intensives und multisensorisches Engagement mit den sie umgebenden Gewässern fordern.

Die Ausstellung „Fluide Grenze“ zum Themenkomplex Flucht über die Ostsee wirft einen unkonventionellen Blick auf das historische Trauma. „Fluide Grenze“ zeigt ortsspezifische Videos, Malerei und Installationen. Um eine distanzierte Betrachtung zu vermeiden, werden die Werke durch die Künstlerin bewusst außerhalb eines klassischen „White Cube“ inszeniert. Die Installationen sind direkt in die historischen Räumlichkeiten der DuG Rostock, einschließlich des sonst nur per Führung zugänglichen ehemaligen Freihofs und Küchentrakts, integriert und treten in einen unmittelbaren Dialog mit der historischen Erinnerungsarbeit des Ortes. Dort, wo unter anderem Menschen inhaftiert wurden, die versucht hatten über die Ostsee aus der DDR zu entkommen, interveniert Jeschke künstlerisch und setzt gleichzeitig ein Denkmal.
Bis 30. April 2026 wird „Fluide Grenze“ in der DuG Rostock zu sehen sein.
Dokumentations- und Gedenkstätte Rostock
Grüner Weg 5
18055 Rostock
Tel.: 0385 / 588 18983
Kompakt
Marie Jeschke – Fluide Grenze
26. November 2025 bis 30. April 2026
Eröffnung der Ausstellung
Mittwoch, 26. November 2025 um 18 Uhr
Begrüßung: Dr. Steffi Brüning, Leiterin der DuG Rostock
Einführung: Susanne Burmester, Kuratorin der Ausstellung
Rundgang durch die Ausstellung mit der Künstlerin, der Kuratorin und der Gastgeberin
Öffnungszeiten: Dienstag und Donnerstag 10 bis 15 Uhr
Dokumentations- und Gedenkstätte Rostock in der ehemaligen Untersuchungshaft der Staatssicherheit in Rostock | Grüner Weg 5 | 18055 Rostock

Dokumentations- und Gedenkstätte Rostock
Die Untersuchungshaft des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) im Bezirk Rostock wurde Ende der 1950er Jahre errichtet. Nicht einsehbar für Außenstehende, befand sie sich auf dem Gelände der Bezirksverwaltung des MfS. Von 1960 bis 1989 inhaftierte die Staatssicherheit dort rund 4.900 Frauen und Männer, Jugendliche ab einem Alter von 15 Jahren aus überwiegend politischen Gründen. Dazu gehörten zum Beispiel die Straftatbestände „staatsfeindliche Hetze“, „staatsfeindliche Verbindungsaufnahme“ und in zunehmendem Maße „versuchte Republikflucht“. Ab den 1970er Jahren waren die Mehrheit der Inhaftierten Menschen, die versucht hatten, über Land und See aus der DDR zu fliehen. Für viele Betroffene war dies die erste Erfahrung von Haft – nach durchschnittlich vier bis sechs Monaten Untersuchungshaft unter ständiger Isolation erfolgten Verurteilungen. Danach wurden die meisten Personen in andere Gefängnisse der DDR gebracht – unter anderem nach Bützow, Bautzen, Cottbus, Hoheneck. Ein Teil der Inhaftierten verblieb nach der Verurteilung vor Ort – als Strafgefangene mussten Frauen in Küche, Wäscherei und Näherei des Gefängnisses arbeiten, Männer wurden als Handwerker eingesetzt.
Die Dokumentations- und Gedenkstätte in der ehemaligen Untersuchungshaft der Staatssicherheit in Rostock befindet sich seit 2021 in Trägerschaft der Landeszentrale für politische Bildung Mecklenburg-Vorpommern. Die Erinnerungs- und Bildungsarbeit am historischen Ort zeichnet sich durch Kooperationen mit vielfältigen Partner/innen unter anderem aus Kultur und Kunst aus.
www.lpb-mv.de/projekte/dug-rostock
Kunstverein zu Rostock
Der Kunstverein zu Rostock mit seinen etwa 100 Mitgliedern betreibt die Galerie Amberg 13 und präsentiert an diesem Ort jährlich 8-10 Ausstellungen mit zeitgenössischen Positionen der Bildenden Kunst. Damit siet sich der Verein seit der Neugründung im Jahre 1992 durchaus bewusst in der Tradition des bereits 1840 gegründeten Kunstvereins, der zu den ältesten und traditionsreichsten seiner Art in Deutschland gehört. Zur Tradition des Vereins gehört eine Vielfalt der präsentierten künstlerischen Positionen, die den lebendigen Austausch zwischen Künstlern und Kunstinteressierten über mehrere Generationen befördert.