Wie erzählt man Kindern vom Holocaust?

Vom / Zeitzeugen

Batsheva Dagan bei einem Besuch in Schwerin

Die Zahl auf ihrem linken Arm, ob das eine Telefonnummer wäre, wurde sie im Kindergarten mal gefragt. 45554. Nein, antwortete Batsheva Dagan. Und erzählte von ihrer Zeit im KZ. Kindern vom Holocaust? „Gerade Kindern“, sagt sie.

Natürlich müsse man dabei behutsam vorgehen, so die heute 94-Jährige. Bewusst knüpfe sie deshalb am Konzept von Märchen an. Batsheva Dagan ist Kinderpsychologin, ihre Bücher gehören zum Bestand in israelischen Kindergärten. Bücher wie „Chika, die Hündin im Ghetto“.

Es geht darin um die Freundschaft des Jungen Mikash (5) und der Hündin Chika. Beide müssen sich trennen. Die jüdische Familie lebt im Ghetto, Deportation droht, Vater, Mutter und Sohn verstecken sich im Keller. Der Hund kommt bei einer Bekannten unter. Alle überleben. „Meine Geschichten haben immer ein Happy End“, sagt Batsheva Dagan. „Man darf Kindern nie die Hoffnung nehmen.“

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Hier der Trailer zum Kurzfilm

Wenn sie in Schwerin ist, wohnt sie bei Claudia Richter. Die Wohnung der ehemaligen Landtagsmitarbeiterin liegt nur eine Minute zu Fuß entfernt vom Slüterufer, wo Batsheva Dagan 1942/43 unter falschem Namen im Haus des Landgerichtsdirektors gearbeitet hatte. Bei Nazis. „Jeden Morgen musste ich Hitlers Bild abstauben“, sagte sie mal der SVZ. Sie hatte sich aus einem Ghetto hierher durchgeschlagen. Fünf Monate lang drohte sie aufzufliegen. Eines Tages stand die Gestapo tatsächlich vor der Tür.

„Der Schnee hatte viele rote Flecken“

Als Batsheva Dagan im Mai 1943 in Auschwitz ankam, war sie 17 Jahre alt. Ihre Eltern und eine Schwester waren da schon tot, ermordet in den Gaskammern von Treblinka. Die jüngste Schwester wurde im Ghetto in Radom erschossen. Ihre älteren Brüder und eine Schwester hatten nach Russland flüchten können, als die Nazis Polen besetzten, die Heimat der jüdischen Familie.

Im KZ wurde ihr alles genommen: Kleidung, Tasche, Uhr. Ihre Haare wurden geschoren. Fortan war sie Häftling 45554, unübersehbar eintätowiert auf dem linken Arm. Vor ihr lagen 20 lange Monate in einer Baracke mit 800 Gefangenen. „600 Tage, alle vollgeladen mit Angst.“ Sie pflückte Brennnesseln, bis die Hände bluteten, schleppte tonnenweise Kartoffeln und musste täglich Leichen wegtragen.

Als die Rote Armee Anfang 1945 näher rückte, begann die SS, das Vernichtungslager zu räumen. Batsheva Dagan wurde auf den Todesmarsch getrieben. Ins damalige Löslau, über Ravensbrück, bis zum Außenlager nach Malchow. Wer nicht mehr gehen konnte, wurde erschossen. „Der Schnee hatte viele rote Flecken.“

„Geschichte für Kinder, die es wissen wollen“

Nach dem Krieg zog Batsheva Dagan nach Israel, heiratete, bekam zwei Söhne. Sie studierte Psychologie und schrieb Jahre später ihr erstes Buch: „Was geschah in der Shoah? Eine Geschichte für Kinder, die es wissen wollen.“

Und diese Kinder gibt es auch in Deutschland. „Sie begreifen viel mehr, als man Ihnen zutraut. Und sie haben in ihrem Leben noch die Wahl – ob sie Gutes oder Böses mitmachen. Das möchte ich ihnen vermitteln.“ Seit 18 Jahren beteiligt sich Batsheva Dagan als Zeitzeugin an Jugendprojekten und Veranstaltungen des Landtages. 2007 wurde sie für ihr Engagement mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt.

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https://www.youtube.com/watch?v=JhRPy1C_f4E
Batsheva Dagan 2019 bei der Gedenkveranstaltung für die Opfer des Nationalsozialismus
im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern

Sie will Kinder zum Fragen bringen, sagt die Holocaust-Überlebende. Was sind Ghettos? Warum durften Juden keine Hunde halten? „Chika“ sei ein guter Einstieg. Und wenn Kinder nach der Nummer fragen? „Dann kläre ich sie auf. Und sage ihnen: Meine Haftnummer ist eigentlich meine Glücksnummer. Sie war mein Todesurteil. Aber ich habe überlebt – und sie erinnert mich täglich daran.“ (Aus: dieschweriner.de)

Der Film

„Chika, die Hündin im Ghetto“. Das Projekt sei eine Herzensangelegenheit, sagt Batsheva Dagan. Produziert wurde der Kurzfilm 2016 von der Hamburger Firma Trikk17. Regisseurin Sandra Schießl. Drehbuchautorin Carmen Blazejewski. Das Filmbüro MV hat das Projekt gefördert.

Der 15-minütige Trickfilm ist seit der Premiere auf mehr als 80 Festivals gezeigt worden. Die Filmbewertungsstelle hat ihm das Prädikat „besonders wertvoll“ verliehen.

Aktuell

„Chika“ wird am 21. April 2020 im israelischen TV gezeigt – am Holocaust-Gedenktag Jom haScho’a. Das israelische Fernsehen habe die Rechte erworben und den Film ins Hebräische synchronisieren lassen, so ein Sprecher von Trikk17.

Bestellen

Schulen in MV können den Film bei der Landeszentrale für politische Bildung Mecklenburg-Vorpommern bestellen – hier

Hintergrund

Der 8. Mai 1945 gilt als offizielles Ende des Zweiten Weltkrieges in Europa und als Tag der Befreiung Deutschlands vom Nationalsozialismus. In Mecklenburg und Vorpommern war der Krieg an vielen Orten aber schon früher vorbei. Die letzten Kampfhandlungen im Nordosten endeten mit dem Zusammentreffen der Roten Armee mit britischen und US-amerikanischen Truppen auf einer Linie zwischen Wismar, Schwerin, Ludwigslust und Dömitz zwischen dem 2. und 4. Mai 1945.

In unserer Serie zum 75. Jahrestag stellen wir Dokumentationszentren, Gedenkstätten und Geschichtsprojekte vor, liefern Hintergründe und sprechen mit Zeitzeugen. Zum Auftakt: Batsheva Dagan.

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