Die Hölle von Lichtenhagen

Vom / Landeskunde, Zeitzeugen

Quelle: Ostsee-Zeitung, Ausgabe Rostock, 24. August 1992, Seite 1 (Ausschnitt links), Seite 9 (Ausschnitt rechts), Archiv Landesbibliothek

Rostock-Lichtenhagen, August 1992. Es brodelt im Stadtteil. Ankündigungen von Gewalt gegen die Asylbewerber in der Zentralen Aufnahmestelle machen die Runde. Ab dem 22. August werden aus Worten Taten. Tagelang. Steine und Brandsätze fliegen. Schaulustige johlen. In der dritten Nacht brennt der Plattenbau. Diejenigen, gegen die sich die Gewalt richtet, haben Todesangst. In dieser Woche jähren sich die Pogrome zum 30. Mal.

Der Schauplatz 

Ein Elfgeschosser in Rostock-Lichtenhagen, einem Stadtteil im Nordwesten der Stadt. „Sonnenblumenhaus“ wird der Plattenbau in den Mecklenburger Allee im Volksmund genannt. Wegen der drei großen, weithin sichtbaren Mosaikblüten an der Seitenfassade. 

Hier, in Aufgang Nr. 18, hat seit Ende 1990 die Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber ihren Sitz. In der Behörde müssen sich alle Asylsuchenden melden, die nach MV kommen. Von hier aus werden sie dann auf Wohnheime im ganzen Land verteilt. Die Asylsuchenden stammen zumeist aus Osteuropa. Viele von ihnen sind Sinti und Roma. 

Das Sonnenblumenhaus in Rostock-Lichtenhagen. Foto: Wikipedia

Wer in der zentralen Aufnahmestelle ankommt, soll eigentlich nur wenige Tage hier bleiben. Die Einrichtung ist jedoch heillos überlastet. Die Registrierungen dauern. Die gut 300 Betten reichen hinten und vorne nicht. Viele Flüchtlinge harren draußen, rings um die Aufnahmestelle, aus. Toiletten und Verpflegung gibt es nicht. Anwohner beschweren sich monatelang immer wieder über Dreck, Lärm, Gestank, Diebstähle. Die Stimmung heizt sich mehr und mehr auf. Gewalt liegt in der Luft. Im Fokus der auch in Zeitungsberichten kommunizierten Drohungen: Samstag, der 22. August 1992. 

Zum Schauplatz des Pogroms gehört auch Aufgang Nr. 19. Hier wohnen zu jener Zeit ehemalige Vertragsarbeiter aus Vietnam. Frauen und Männer, die über ein Abkommen zwischen der DDR und Vietnam in den 1980er-Jahren in die DDR kamen, nach der Wende blieben, seit Jahren hier, im Sonnenblumenhaus, leben. Bis sich der Fremdenhass jener Nächte auch auf sie entlädt, ihr Haus in Flammen setzt, viele von ihnen nur knapp dem Tod entkommen. 

Ein Abriss der Ereignisse 

Samstag, 22. August 

Rund 2000 Menschen versammeln sich am Abend vor dem Sonnenblumenhaus. Steine fliegen, Scheiben klirren. Die, die werfen, werden von Umstehenden angefeuert. Auch die wenigen Polizisten vor Ort werden zur Zielscheibe, warten stundenlang auf Verstärkung. Im Laufe der Nacht sind etwa 160 Polizistinnen und Polizisten vor Ort. Auch Wasserwerfer rollen an. Am frühen Morgen bringen die Einsatzkräfte die Lage unter Kontrolle. Vorerst. 

Sonntag, 23. August 

Gegen Mittag zieht es erneut Gewaltbereite und Schaulustige zum Sonnenblumenhaus. Bis zum Abend werden es immer mehr. In der Menge sind auch Rechtsextreme aus anderen Bundesländern. Hunderte Personen werfen Steine und Brandflaschen aufs Haus und die Polizei. Die Menge um sie herum schaut zu, klatscht, skandiert rassistische Parolen. Einige Gewaltbereite gelangen in Haus Nummer 19, wüten sich bis in den zweiten Stock vor, ehe sie gestoppt werden. Vor Ort sind Polizisten aus ganz MV, Schleswig-Holstein und Hamburg. Auch der Bundesgrenzschutz ist angerückt. Seit 22.30 Uhr gilt landesweiter Alarm. Gegen 2 Uhr nachts kann die Polizei die Angriffe stoppen. Vorerst. 

Montag, 24. August 

Der Abschlussbericht des Untersuchungsausschusses – hier gehts zum Wortlaut

Gegen 14 Uhr werden alle Flüchtlinge aus der zentralen Aufnahmestelle evakuiert. Das vietnamesische Wohnheim im Nachbarhaus nicht. Obwohl sich längst wieder etliche Menschen davor versammelt haben. Bis zum Abend werden es mehrere Tausend sein. Unter Jubel und rechtsradikalen Parolen der breiten Masse fliegen erneut Steine und Brandsätze. Etliche Polizistinnen und Polizisten werden verletzt. Gegen halb zehn zieht sich die Polizei zurück. Als wenig später die nächsten Molotowcocktails das Haus treffen, Gewalttäter ins Gebäude eindringen und Feuer ausbricht, sind die vietnamesischen Bewohnerinnen und Bewohner auf sich allein gestellt. Die eintreffende Feuerwehr wird ebenfalls attackiert. Mehr als 120 Menschen sind in dem brennenden Gebäude eingeschlossen. Frauen, Männer, Kinder. Von unten dringen Flammen und Rauch nach oben. Die Notausgänge geben nur mit Mühe und in letzter Sekunde den rettenden Weg aufs Dach frei. Die Bilder der Nacht gehen um die Welt. Die vietnamesischen Bewohner/innen werden in Notunterkünfte gebracht.

Dienstag, 25. August 

Die Ausschreitungen vor dem Sonnenblumenhaus gehen unvermindert weiter. Einsatzkräfte werden attackiert, Autos angezündet. Die Polizei rückt mit Tränengas und Wasserwerfern an. Tief in der Nacht bekommt sie die Lage unter Kontrolle. 

Mittwoch, 26. August 

Randalierer, Polizei und Bundesgrenzschutz sind weiter vor Ort. Fast 150 Menschen werden festgenommen. Auch Anwohner versuchen nun, den gewaltbereiten Mob an Ausschreitungen zu hindern. In den folgenden Tagen beteiligen sich tausende Menschen an Schweigemärschen und Demonstrationen gegen Fremdenhass.

Wie ging es weiter?

Im Zuge der Ausschreitungen wurden laut Zwischenbericht des Untersuchungsausschusses 370 Menschen vorläufig festgenommen und 408 Ermittlungsverfahren eingeleitet. 292 wegen Landfriedensbruch, in zwei Fällen zusätzlich wegen versuchten Mordes. Insgesamt werden gut 40 Menschen verurteilt. Die letzten Urteile fallen 2002.

Der Abschlussbericht wurde am 11. November 1993 im Landtag debattiert. Wer sagte in der Debatte was? Hier gehts zum Wortprotokoll…

Die Bürgerschaft Rostock und der Landtag Schwerin setzen Untersuchungsausschüsse ein. Der Rostocker Bericht kommt zu dem Schluss, dass Oberbürgermeister Klaus Kilimann (SPD) seiner politischen Verantwortung nicht gerecht geworden sei. Anfang Dezember 1993 tritt er zurück. Lothar Kupfer (CDU) war im Februar 1993 als Innenminister entlassen worden. Der Untersuchungsausschuss des Landtags legte seinen Abschlussbericht Ende 1993 vor. Die SPD schließt sich – ebenso wie die LL/PDS – dem Bericht nicht an, bringt ein eigenes Votum in den Landtag ein.

Seit 2017, dem 25. Jahrestag, erinnern in Rostock fünf Stelen an die fremdenfeindlichen Ausschreitungen: Vor dem Sonnenblumenhaus. An der Polizeidirektion Ulmenstraße. Im Rosengarten. Am Verlagshaus der Ostseezeitung. Und am Rathaus. Das Kunstwerk „Gestern Heute Morgen“ der Künstlergruppe SCHAUM ging damals als Siegerentwurf aus einem Kunstwettbewerb der Stadt Rostock hervor. 2018 kam am Doberaner Platz eine weitere Stele hinzu. 

Veranstaltungen

Kommunale Erinnerung – kommunale Verantwortung

Foto/Grafik: Hansestadt Rostock

Am 25. August in der Rostocker Stadthalle: das wissenschaftliche Kolloquium zum Umgang mit rassistischer Gewalt der 1990er-Jahre. Die Infos zur Veranstaltung – hier

30 Jahre nach dem Pogrom

Lichtenhagen 1992. 30 Jahre ist der Pogrom, sind die rassistischen Ausschreitungen am Sonnenblumenhaus her. In Rostock wird daran erinnert, u.a. mIt einem Tag der Begegnung am 25. August. Hier

Der Film zu Lichtenhagen ’92

Anlässlich des 30. Jahrestages der rassistischen Ausschreitungen am Rostocker Sonnenblumenhaus wird am 24. August im Innenhof des Schweriner Schlosses der Film „Wir sind jung. Wir sind stark“ gezeigt. Die Veranstaltung inklusive Gesprächsrunde findet auf Einladung des Filmkunstfestes MV, der Initiative „WIR. Erfolg braucht Vielfalt“ und des Landtages statt. Hier

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