Plötzlich eingesperrt

Vom / Demokratie, LpB, Politik

Überreste der Mauer in der Nähe vom Ostbahnhof. Foto: photomat/pixabay

„Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten!“, sagte DDR-Staats- und Parteichef Walter Ulbricht am 15. Juni 1961. Gut acht Wochen später, am 13. August 1961, begann der Bau der Mauer in Berlin. Über Nacht. Und Symbol gebend für die deutsche Teilung.

Die Ausgangslage

Das Ende des Zweiten Weltkrieges hat Deutschland 1949 in zwei Staaten geteilt: die Deutsche Demokratische Republik (DDR) und die Bundesrepublik Deutschland (BRD). In Berlin verlief die Grenze mitten durch die Stadt, teilte sie in Ost- und West-Berlin. Bereits 1952 ließ das DDR-Regime entlang des innerdeutschen Grenzverlaufs eine Sperrzone anlegen. Doppelte Stacheldrahtzäune, später auch Minen und Selbstschussanlagen sollten Flüchtlinge daran hindern, sich vom politischen und wirtschaftlichen System der DDR abzuwenden. Nur die Grenze, die Berlin in Ost und West teilte, blieb offen. Im Dezember 1957 änderte die SED-Führung das Passgesetz. Jeder, der die DDR ungenehmigt verlassen wollte, machte sich strafbar. Die Fluchtbewegung aber riss nicht ab. Allein im Juli 1961 verließen 30.000 Menschen die DDR. Vor allem junge und gut ausgebildete Menschen gingen. Arbeitskräfte, die fehlten. Die wirtschaftliche Lage der DDR verschlechterte sich weiter, die Versorgungsprobleme nahmen zu. Das Ende der DDR schien nah.

Der Tag des Mauerbaus

In der Nacht vom 12. auf den 13. August gab Walter Ulbricht, Staats- und Parteichef der DDR, den Befehl, die Sektorengrenze in Berlin abzuriegeln. Am frühen Sonntagmorgen rissen bewaffnete Volks- und Grenzpolizisten Straßen in Berlin auf. Aus Asphaltstücken, Pflastersteinen und Stacheldraht errichteten sie Barrikaden. Mitten durch die Stadt. Panzer und Geschütze fuhren auf. Der S-Bahn-Verkehr zwischen beiden Teilen wurde unterbrochen. Die Ereignisse trafen die Menschen unvorbereitet. Von einem Tag auf den anderen wurden Familien getrennt, Straßen und Häuser geteilt, zehntausende Ost-Berliner von ihren Arbeitsstellen im Westen abgeschnitten. Auf beiden Seiten protestierten die Bürger. Unter ihnen auch der damalige Bürgermeister West-Berlins, Willy Brandt. Warum die Westmächte nichts unternahmen? „Keine sehr schöne Lösung, aber tausendmal besser als Krieg“, fasste der damalige US-Präsident John F. Kennedy die Position der Alliierten zusammen. In der Nacht vom 17. zum 18. August wurde der Stacheldraht durch Hohlblocksteine ersetzt. Die Mauer stand. 28 Jahre lang, bis zum 9. November 1989.

Geteilte Wege: Die Mauer unterbrach Straßen, Plätze und Wege, trennte Familien und Freunde, zerstörte Hoffnungen und Leben. Foto: Sarah Lötscher/pixabay

Welche Bedeutung hatte der Mauerbau?

Die Berliner Mauer sollte zum Sinnbild der innerdeutschen Teilung werden. Als Symbol für den Kalten Krieg spaltete sie sprichwörtlich den europäischen Kontinent in zwei Lager: Im Osten als „Antifaschistischer Schutzwall“ angepriesen, wurde sie im Westen als „kommunistische Schandmauer“ kritisiert. Die erhebliche Abwanderung aus der DDR wurde durch die Schließung der Grenzen und den Ausbau der Grenzanlagen gestoppt – auf Kosten der Freiheit der eigenen Bevölkerung.

Die Grenzopfer

Günter Litfin war der erste Mensch, der bei einem Fluchtversuch an der Berliner Mauer erschossen wurde. Er starb am 24. August 1961. Zwei Tage zuvor verlor bereits Ida Siekmann ihr Leben. Sie wohnte in einem der Häuser, in denen die Grenzpolizei an der Sektorengrenze Haustüren verriegelt hatte. Sie starb, als sie aus dem dritten Stock auf den zu West-Berlin gehörenden Fußweg springen wollte. Wie viele Menschen bei Fluchtversuchen an der Berliner Mauer oder innerdeutschen Grenze ums Leben kamen – dazu gibt es bis heute keine verlässlichen Zahlen. Die Bundesregierung gibt die Zahl derer, die an der Berliner Mauer starben, mit „mindestens 140“ und die Todesopfer an der innerdeutschen Grenzen mit „mindestens 260“ an. Hinzu kommen all diejenigen, die bei Fluchtversuchen ertranken, verunglückten oder verhaftet wurden oder nach ihrer Entdeckung Selbstmord begingen.

Das mit 1,3 Kilometern längste erhaltene Mauerstück ist die East Side Gallery. Im Frühjahr 1990 gestalteten 118 Künstler die östliche Mauerseite. Die Originale von damals wurden inzwischen durch Repliken ersetzt. Foto: betexion/pixabay

Zahlen

Gesamtlänge der innerdeutschen Grenze: 1.376 km
Gesamtlänge der Mauer zwischen Ost- und West-Berlin: 43,1 km
Gesamtlänge der Grenzanlagen um West-Berlin: 155 km
Anzahl der Wachtürme: 302
Selbstschussanlagen (zwischen 1971 und 1984): 55.000
Verlegte Minen an der Grenze: rund 1,3 bis 1,4 Millionen
Auf Menschen abgerichtete Hunde (bis in die 80er Jahre): rund 3.000
(Quelle: www.bundesregierung.de)

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Über das Leben an und mit der innerdeutschen Grenze im Norden informiert das Grenzhus Schlagsdorf.

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